Naked

Dienstag 17.04.2012, 20:00 StuZ²

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Sprachwitz um menschliche Abgründe

Naked dreht sich um den ebenso intelligenten wie abstossenden Johnny, der nach der Vergewaltigung seiner Nachbarin auf der Flucht ist. Dabei durchstreift er das nächtliche London, wo er immer wieder auf einsame Gesprächspartner trifft. In fulminanten Gedankenreisen voller Sarkasmus, Sprachwitz und Weisheit entlarvt er die tiefsten Abgründe des Menschseins. Einen Nachtwächter fragt er: „What goes on in this postmodernist gas chamber?“ – „Nothing. It’s empty.“ – „So, what is it that you’re garding?“ – „Space.“ – “That’s stupid, isn’t it. Because someone could break in there and steal all the fucking space and you wouldn’t know it had gone.“ Den Figuren werden all ihre Sehnsüchte nach Sinn und Zuneigung vom Leib gerissen, bis sie als leere Seelengerüste vollständig nackt dastehen. Diesen Moment grösster Schwäche gilt es auszuhalten, was nicht selten mit bestechendem Humor geschieht.

Und Johnny? Der bleibt wegen seiner unglaublichen Abschätzigkeit eine abstossende Gestalt. In einer kalten Welt, die er nach und nach auseinander nimmt, kann er nicht selber als Held funktionieren. Seine eigene Unfähigkeit, die Abgründe auszuhalten, welche er selbst aufdeckt, macht ihn zum Nacktesten aller Nackten. Und doch bleibt etwas Tröstliches zurück: Ein bitterbös-humorvoller Befreiungsschlag gegen menschliche Erstarrung und ein fantastischer Film mit einigen der wohl verblüffendsten Dialogen der Filmgeschichte.

Antonia Steger

Trailer:

Mike Leigh, UK 1993

131 min, 35 mm, Englisch/d/f

Drehbuch: Mike Leigh

Kamera: Dick Pope

Schnitt: Jon Gregory

Musik: Andrew Dickson

Darsteller: David Thewlis, Lesley Sharp, Katrin Cartlidge

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