Zurich Film Festival: Der Internationale Spielfilmwettbewerb

/Festival/zff2.jpg

von Berke Topacogullari und Laura Frischke

Das 5. Zurich Film Festival ist inzwischen vorbei, und während gewisse unselige Ereignisse am Rande wohl die meiste Aufmerksamkeit bekamen, gab es ja immer noch eine Menge Filme zu sehen. Ob humorvolles oder ernstes, aufrüttelndes oder eher einschläferndes, von allem war dabei etwas vorhanden. Aus dem Internationalen Spielfilmwettbewerb haben wir hier eine Auswahl unserer Höhe- und Tiefpunkte zusammengestellt.

 

/Festival/ZFF_Amreeka.jpg

Amerrika / Amreeka
von Cherien Dabis
USA, Kuweit, Kanada, 2009

Der diesjährige Gewinner des Variety New Talent Awards heisst Amreeka, und das Sozialdrama verdient diese Auszeichnung des Festivals zu Recht. Mutig und offen zeichnet die Regisseurin Cherien Dabis in ihrem Erstlingswerk das Bild einer palästinensischen Frau, die mit ihrem Sohn in die USA auswandert und sich dort durchzuschlagen versucht. Vor dem Hintergrund des Kriegsausbruchs im Irak werden die beiden in der kleinbürgerlichen Vorstadt mit harten Vorurteilen konfrontiert, finden aber auch an unerwarteten Orten neue Freundschaften. Nach den sich ständig verflechtenden Problemen scheint der abrupte Schluss etwas gar unrealistisch in Richtung Happy End gedrängt, ansonsten ist Amreeka aber rundum gelungen und lässt auf weitere Filme dieser Art hoffen.

Kinostart: 10.12.2009 (Romandie: 07.10.2009)

 

/Festival/ZFF_Lost_Islands.jpgLost Islands / Lim Avudim
von Reshef Levi
Israel, 2008

Auch im israelischen Wettbewerbsbeitrag Lost Islands steht die Familienthematik im Zentrum. Der Film kreist um das Leben zweier Zwillingsbrüder, deren enges Verhältnis durch die Liebe zum gleichen Mädchen und rivalisierende Berufswünsche zu zerbrechen droht. Erez, der eine Bruder, trägt zudem ein erdrückendes Geheimnis mit sich herum: Er trägt möglicherweise die Mitschuld an einem schweren Unfall seines Vaters. Der Film von Reshef Levy fasziniert mit einer Mischung aus berührenden und komischen Momenten, wenngleich die Umschiffung einiger Klischees nicht immer ganz gelingt.

Kinostart: unbekannt

 

/Festival/ZFF_Humpday.jpgHumpday
von Lynn Shelton
USA, 2009

In einer durchzechten Nacht kommen die ehemaligen College-Kumpanen Ben und Andrew auf die Idee, im Sinne eines „Kunstprojekts“ gemeinsam einen Porno zu drehen. Dabei stellen sich einige Stolpersteine in den Weg, denn Bens Frau ist ganz und gar nicht begeistert und auch bei der technischen Durchführung tauchen Probleme auf. Die US-Independent-Komödie Humpday ist nicht ganz so oberflächlich, wie diese Beschreibung vielleicht glauben lässt: Hinter der schwachen Story verbirgt sich eine tiefsinnige Suche nach Glück und persönlicher Identität, die aber ziemlich unglaubwürdig erscheint. Immerhin glänzt der am diesjährigen Sundance Festival ausgezeichnete Film mit etlichen lustigen Dialogen und viel Situationskomik und bietet so doch einiges an Unterhaltung.

Kinostart: 28.01.2010 (Romandie: 28.10.2009)

 

/Festival/ZFF_A_Blind_River.jpgA Blind River / Gui Hyang
von An Sun-Kyong
Südkorea, 2009

Deutlich ernster geht es in diesem Film zu, der am Zurich Film Festival seine Weltpremiere erleben durfte. Lucas Fedora, der als Kind von einer australischen Familie adoptiert wurde, versucht darin in Korea seine leiblichen Eltern zu finden. Gleichzeitig wird die Geschichte einer hochschwangeren Frau erzählt, die vor einer Abtreibung geflohen ist und nun in der Stadt herumirrt ohne zu wissen was sie mit dem zukünfigen Neugeborenen machen soll.
Es geht also um brisante Themen - ungewollte Schwangerschaften, Adoption - und obwohl der Film es offensichtlich versucht, schafft er es nicht die Zuschauer mitzureissen oder gar aufzurütteln. Die Figuren agieren viel zu unnatürlich und übertrieben, sodass der Film als realistisches Drama nicht funktioniert. Doch es wird nicht recht klar, worauf der Film sonst hinaus will, und so wird auch die Inszinierung zu einem Problem: Die Geschichten werden in einem sehr langsamen Tempo erzählt, mit langen Einstellungen, die in diesem Fall nur zu einem führen: Langeweile.

Kinostart: unbekannt

 

/Festival/ZFF_Without_Name.jpgWithout Name / Sin Nombre
von Cary Jôji Fukunaga
Mexiko, 2009

Auch in diesem Film stehen wichtige Themen im Vordergrund: Zum einen geht es um Sayra, die ihrem Leben in Honduras entfliehen will und zusammen mit ihrem Vater und ihrem Onkel versucht illegal in die USA einzureisen. Zum anderen geht es um Casper, der in Mexiko lebt und in einer Gang eine gewisse Geborgenheit gefunden hat. Das Leben ändert sich für alle entscheidend, als sich die beiden Schicksale kreuzen.
Im Gegensatz zum obigen Film schafft Fukunaga es, eine wirklich mitreissende und spannende Geschichte zu erzählen und quasi im vorbeiziehen soziale Themen anzureissen. Nebenbei bietet der Film auch einige Gänsehaut erzeugenden Momente: Zum Beispiel denjenigen, als der Zug startet, auf dem die drei Auswanderer zusammen mit vielen anderen ihre Reise fortsetzen wollen. Allein durch die Bilder und die Atmosphäre dieser Nacht im Film spürt man, wie für die Menschen auf dem Zug etwas Bedeutendes seinen Lauf nimmt. Ein absoluter Höhepunkt des Wettbewerbs!

Kinostart: 25.03.2010 (Romandie: 18.11.2009)

 

/Festival/ZFF_Wolfy.jpgWolfy / Volchok
von Vasilij Sigarev
Russland, 2009

Düster, sehr düster geht es in dem Film zu, der den Internationalen Spielfilmwettbewerb gewonnen hat. Eine gestörte Mutter-Tochter-Beziehung steht im Mittelpunkt; mit einer Mutter, die vor allem an ihr eigenes Leben denkt, und mit einer Tochter, die trotzdem immer wieder versucht ihre Zuneigung zu gewinnen.
Obwohl vieles im Film nicht ganz einfach zu ertragen ist, lässt der Film einen doch auf merkwürdige Art und Weise kalt: So gross wie die Distanz der Mutter zu ihrer Tochter, so gross ist auch die Distanz der Figuren zum Zuschauer. Während man die Mutter nach einiger Zeit tatsächlich zu hassen lernt, gibt das Spiel der Tochter zu wenig her, als dass man sich mit ihr identifizieren möchte. Bei einigen Geschehnissen gegen Ende hat man schliesslich auch das Gefühl, dass sie nur passieren um den Zuschauern noch einmal in die Magengrube zu treten. Zumindest ist er gut fotografiert, doch man kann auf jeden Fall darüber streiten, ob der Preis gerechtfertigt ist.

Kinostart: unbekannt

 

/Festival/ZFF_Katalin_Varga.jpgKatalin Varga
von Peter Strickland
Rumänien, Ungarn, UK, 2009

Der Film ist nach der Protagonistin benannt, die aus ihrem Dorf in den Karpaten flüchten muss, als ihr Mann erfährt, dass der Sohn Orbán ein Kuckuckskind ist und eigentlich aus einer Vergewaltigung entstammt. Daraufhin entschliesst sie sich, ihren Peiniger zu finden und sich zu rächen. Doch so einfach, wie sie sich das vorstellt, wird die Rache am Ende nicht.
Während sich diese Rachegeschichte abspielt, wird man auf eine Reise durch die Karpaten mitgenommen, aufgenommen in rauhen Bildern und mit schönen Landschaften. Seltsamerweise scheint dabei alles aus einer vergangenen Zeit zu stammen, obwohl die Geschichte in der Gegenwart spielt. Geprägt wird der Film auch von der Hauptdarstellerin Hilda Péter, die die Katalin Varga spielt und eine faszinierende und facettenreiche Frau zum Leben erweckt.

Kinostart: unbekannt